
1413 Tage: Meloni bricht den Rekord – und Berlin schaut alt aus
Rom, 4. September 2026. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni führt seit Freitag die langlebigste Regierung in der Geschichte der Republik. 1413 Tage im Amt – damit übertrifft ihre im Oktober 2022 gebildete Rechtskoalition den bisherigen Bestwert der zweiten Regierung Silvio Berlusconis, die zwischen 2001 und 2005 auf 1412 Tage kam.
Zur Erinnerung: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zählte Italien 68 Regierungen. Keine einzige davon hat je eine komplette fünfjährige Legislaturperiode ohne Bruch durchgestanden. Der Rekord ist deshalb mehr als eine Fußnote für Statistiker.
„Stabilität ist kein Rekord, mit dem man prahlt"
Meloni selbst gab sich am Freitag im Onlinedienst X betont nüchtern:
„Stabilität ist kein Rekord, mit dem man prahlt, sondern die Voraussetzung dafür, dass eine Nation planen, entscheiden, Verpflichtungen einhalten und sich Respekt verschaffen kann."
Die Ergebnisse seien sichtbar, es bleibe aber noch viel zu tun, so die Regierungschefin. Ihre Partei Fratelli d'Italia wollte den Tag mit einer Großveranstaltung in Bari feiern.
Die Märkte belohnen Berechenbarkeit
Bemerkenswert ist, wie das Kapital reagiert. Der Zinsabstand zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen fiel zeitweise auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren, mehrere Ratingagenturen hoben ihre Bewertung an – Fitch stufte Italien im September 2025 auf „BBB+" herauf. Dem Vernehmen nach führen Analysten von Goldman Sachs und Barclays das auf den vorsichtigen Haushaltskurs zurück.
Der Politikwissenschaftler Giovanni Orsina von der römischen Luiss-Universität nennt Berichten zufolge drei Gründe für Melonis Standfestigkeit: das Arrangement mit Brüssel, die Haushaltsdisziplin und die Unterstützung der Ukraine.
Die Regierung verweist zudem auf mehr als eine Million zusätzliche Arbeitsplätze, eine Arbeitslosenquote unter sechs Prozent und rückläufige Zahlen bei irregulären Mittelmeer-Überfahrten. Die Beschäftigungsquote der 20- bis 64-Jährigen erreichte mit 67,6 Prozent einen Höchststand – bleibt aber weit unter dem EU-Schnitt von 76,1 Prozent.
Wo die Bilanz Risse bekommt
Nur: Dauer ist kein Beweis für Erfolg. Italiens Wirtschaft wuchs in drei Jahren um weniger als ein Prozent – und das trotz knapp 200 Milliarden Euro aus dem EU-Corona-Wiederaufbaufonds. Für dieses Jahr werden magere 0,5 bis 0,8 Prozent erwartet.
Die Staatsverschuldung kletterte von 134 auf 138 Prozent der Wirtschaftsleistung. Laut OECD lagen die Reallöhne zu Jahresbeginn rund 6,1 Prozent unter dem Niveau von Anfang 2021. Kliniken klagen über Personalmangel, Produktivität und Verwaltung bleiben Baustellen.
Auch zentrale Reformen stockten: Die Trennung der Laufbahnen von Staatsanwälten und Richtern fiel im Referendum durch, Direktwahl des Regierungschefs und Regionalautonomie sind Medienberichten zufolge blockiert. Verabschiedet wurden dagegen mehrere Sicherheitsgesetze mit neuen Straftatbeständen und höheren Strafen.
Der unbequeme Vergleich mit Deutschland
Oppositionsführerin Elly Schlein wirft der Regierung vor, Löhne und Wartezeiten im Gesundheitswesen zu vernachlässigen. Ex-Premier Giuseppe Conte erklärte laut Nachrichtenagentur AP, die Regierung feiere – die Italiener nicht.
Und doch: Während in Rom eine Koalition aus drei Parteien hält, zerbrach in Berlin 2024 die Ampel, gefolgt von Neuwahlen. Für viele Beobachter ist das die eigentliche Pointe dieses Rekords. Spätestens 2027 wird in Italien gewählt.
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