
Brandbrief an den Kanzler: Der Wohnungsbau geht unter – und Berlin dreht ihm den Geldhahn zu
Es ist ein Hilferuf, der es in sich hat. Die deutsche Bauwirtschaft, von der Gewerkschaft IG BAU über den Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel bis zum Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, hat sich in einem gemeinsamen Schreiben direkt an Bundeskanzler Friedrich Merz gewandt. Der Tenor: Man möge dem Wohnungsbau bitte wenigstens jene Mittel lassen, mit denen er sich derzeit noch mühsam über Wasser hält. Ein bemerkenswert bescheidener Wunsch – und ein Armutszeugnis für eine Regierung, die vor wenigen Monaten noch mit dem Versprechen angetreten war, Deutschland aus dem Investitionsstau zu führen.
1,4 Milliarden weniger – ausgerechnet dort, wo es am meisten weh tut
Nach Darstellung der Unterzeichner sollen im Jahr 2027 allein im Neubau knapp 1,4 Milliarden Euro weniger zur Verfügung stehen als in diesem Jahr. Für eine Branche, die ohnehin seit Jahren am Boden liegt, wäre das nicht der berühmte Tropfen, sondern der Schlag mit der Abrissbirne. Die Verbände warnen nicht mehr vor Stagnation. Sie warnen vor einem regelrechten Einbruch.
„Jetzt beim Wohnungsbau den Rotstift anzusetzen, bremst Investitionen – mit erheblichen Sofort- und Spätfolgen für das Bauen, Sanieren und Wohnen in Deutschland.“
Besonders perfide sei die Mechanik der Branche, so die Verfasser sinngemäß: Der Bau reagiere eben anders als andere Wirtschaftszweige. Wer heute Kapazitäten abbaut, hat sie morgen nicht binnen weniger Wochen zurück. Kolonnen lösen sich auf, Fachkräfte wandern ab – und zwar dauerhaft. Wer einmal weg ist, kommt nicht wieder, nur weil in Berlin drei Jahre später ein neues Förderprogramm mit hübschem Namen aufgelegt wird.
Die Rechnung, die niemand aufmachen will
Man muss sich diesen Widerspruch auf der Zunge zergehen lassen. Dieselbe Bundesregierung, die ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur durch den Bundestag gebracht und die Klimaneutralität bis 2045 im Grundgesetz verankert hat, findet bei der wohl elementarsten Frage überhaupt – wo sollen die Menschen in diesem Land eigentlich wohnen? – plötzlich kein Geld mehr. Friedrich Merz hatte im Wahlkampf versichert, keine neuen Schulden aufzunehmen. Herausgekommen ist ein Schuldenberg historischen Ausmaßes, den kommende Generationen über Steuern und Abgaben abstottern dürfen. Und trotzdem reicht es nicht für Wohnungen. Wohin, so darf man fragen, fließt dieses Geld dann?
Klimaziele als Totschlagargument
Interessant ist auch die Argumentationslinie der Verbände selbst. Betroffen seien, so heißt es, ausgerechnet klimawirksame und sozial sensible Sanierungsvorhaben in Mehrfamilienhäusern. Der sogenannte Praxispfad drohe zu scheitern, die Klimaziele der Regierung seien womöglich nicht mehr erreichbar. Man merkt: Wer in Berlin gehört werden will, muss die richtige Vokabel benutzen. Dass der Wohnungsbau in Deutschland überhaupt erst durch eine Flut an Vorschriften, Dämmauflagen, Energiestandards und bürokratischen Genehmigungsschleifen so teuer geworden ist, dass er ohne staatliche Subvention kaum noch funktioniert – dieser Zusammenhang wird in solchen Schreiben höflich ausgeklammert. Ein System, das sich selbst unbezahlbar reguliert und dann nach Steuergeld ruft, um die Folgen der eigenen Regulierung abzufedern: Das ist deutsche Wohnungspolitik im Jahr 2026.
Post an alle – auch an jene, die den Karren mit in den Dreck fuhren
Adressiert wurde der Brief neben Merz auch an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, Bauministerin Verena Hubertz und Finanzminister Lars Klingbeil. Dazu die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen sowie – man höre und staune – der Grünen und der Linken. Ob ausgerechnet jene politischen Kräfte, deren energiepolitische Experimente die Baukosten in den vergangenen Jahren in schwindelnde Höhen getrieben haben, nun die Rettung bringen, darf bezweifelt werden.
Die Wahrheit ist unbequem: Deutschland fehlen Hunderttausende Wohnungen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage weiter, während das Angebot schrumpft. Die Mieten kennen daher nur eine Richtung. Und die Politik? Sie diskutiert über Mietpreisbremsen, statt endlich Bauen wieder bezahlbar zu machen. Es wäre so einfach: weniger Vorschriften, schnellere Genehmigungen, verlässliche Rahmenbedingungen. Doch das setzt voraus, dass man den Bürgern und Unternehmern etwas zutraut – und genau daran hapert es in diesem Land seit Jahren.
Was das für Sparer bedeutet
Wer glaubt, sich mit Betongold automatisch abzusichern, sollte diese Entwicklung aufmerksam verfolgen. Immobilien sind kapitalintensiv, illiquide, staatlich hochreguliert und in Zeiten politischer Willkür alles andere als ein sorgloses Investment. Was der Staat fördert, kann er ebenso schnell wieder streichen – der aktuelle Brandbrief liefert dafür das Lehrstück. Physische Edelmetalle hingegen entziehen sich dem Zugriff von Förderrichtlinien, Sanierungspflichten und Haushaltsbeschlüssen. Gold und Silber kennen keine Grundsteuerreform und keinen Praxispfad. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen erfüllen sie genau jene Funktion, die politische Versprechen längst nicht mehr erfüllen: Sie sind einfach da.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Jede Anlageentscheidung erfordert eigene, sorgfältige Recherche und gegebenenfalls die Konsultation qualifizierter Berater. Für Vermögensdispositionen trägt jeder Anleger die alleinige Verantwortung.
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