
Der unsichtbare Krieg über unseren Köpfen: Wie GPS-Manipulation die Weltwirtschaft ins Wanken bringt
Auf den digitalen Seekarten rund um die Straße von Hormus spielen sich derzeit Szenen ab, die einem schlechten Science-Fiction-Drehbuch entsprungen sein könnten: Öltanker, die plötzlich auf Flughafenpisten kreuzen. Frachter, die sich mitten in einem Atomkraftwerk befinden sollen. Wer diese Bilder sieht, ahnt, dass hier nicht die Physik verrücktspielt, sondern der Mensch. Es ist die stille, unsichtbare Front eines Krieges, der längst nicht mehr nur mit Raketen geführt wird – sondern mit Signalen.
Jamming und Spoofing – zwei Waffen, ein Ziel
Man muss die beiden Begriffe auseinanderhalten. Beim sogenannten Jamming werden Satellitensignale schlicht zugemüllt, blockiert, lahmgelegt. Drohnen verlieren die Orientierung, gelenkte Raketen verfehlen ihr Ziel. Das Spoofing hingegen ist die elegantere, hinterhältigere Variante: Statt das Signal zu töten, wird es gefälscht. Ein Schiff erscheint dort, wo es gar nicht ist. Tanker, die unter Umgehung westlicher Sanktionen iranisches Öl transportieren, verschwinden auf diese Weise im digitalen Nebel und laufen Häfen an, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Manche Besatzungen gehen noch weiter und schalten ihre AIS-Sender einfach ab – im Fachjargon nennt man das „going dark".
Die Zahlen, die der Datenanbieter Windward vorlegt, sind atemberaubend: über eine Million solcher Vorfälle weltweit seit Kriegsbeginn Ende Februar, 98 Prozent davon konzentriert auf die Golfregion. Allein in den ersten beiden Kriegswochen sollen mehr als 1.100 Schiffe betroffen gewesen sein. Es sei, so heißt es, der größte Anstieg in der Geschichte der Seefahrt.
GPS-Störung ist vom Spezialwerkzeug einzelner Militärs zum Alltagsinstrument geworden – und das in einer Region, durch die ein erheblicher Teil des Weltöls fließt.
Nichts Neues unter der Sonne – nur gefährlicher
Wer glaubt, elektronische Kriegsführung sei eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, irrt gewaltig. Bereits im Ersten Weltkrieg versuchte man, die Navigation des Gegners zu sabotieren. Im Jahr 1940 gelang es den Briten in der legendären „Strahlen-Schlacht", ein Funknavigationssystem der deutschen Luftwaffe zu durchschauen und zu verbiegen – mit der Folge, dass Bomben über völlig falschen Zielen niedergingen und ganze Verbände sich verirrten. Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 gilt in militärischen Kreisen als ausgemacht: Wer das elektromagnetische Spektrum beherrscht, gewinnt.
Neu ist heute nur die Verfügbarkeit. Kleine GPS-Jammer, in den meisten Ländern selbstverständlich verboten, lassen sich im Internet für wenige hundert Euro bestellen. Man muss kein General mehr sein, um Chaos zu stiften.
Wenn Schiffe kollidieren und Flugzeuge blind fliegen
Die Folgen sind längst keine Theorie mehr. Frachter liefen auf Grund. In der Nähe der Straße von Hormus stießen zwei Öltanker zusammen. Das Royal Institute of Navigation in London sprach bereits im Januar von einer sehr ernsten und wachsenden Gefahr. In der Luftfahrt sieht es nicht besser aus: Der Weltluftfahrtverband IATA verzeichnete zwischen 2021 und 2024 einen Anstieg der Fälle von GPS-Signalverlust um 220 Prozent. Sogar eine Maschine mit EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen an Bord soll betroffen gewesen sein – die Spur wies damals nach Russland. Dass einzelne Flugzeuge oder Hubschrauber durch solche Attacken bereits abgestürzt sein könnten, mag niemand ausschließen.
Die Achillesferse der digitalen Zivilisation
Hier wird es für jeden Bürger interessant, auch für den, der weder Tanker noch Airbus steuert. Denn das GPS-Netz liefert nicht nur Standorte, sondern hochpräzise Zeitsignale – und die sind das unsichtbare Rückgrat des Finanzverkehrs, der Telekommunikation und unserer Stromnetze. Eine Gesellschaft, die jeden Winkel ihres Lebens an ein paar Satelliten gekoppelt hat, macht sich erpressbar. Wer den Takt stört, stört alles.
Man stelle sich das einmal in Ruhe vor: Zahlungsverkehr, Börsenhandel, Netzstabilität – alles hängt an Signalen aus dem Orbit, die man mit einem Gerät für den Preis eines Smartphones manipulieren kann. Während man in Berlin ernsthaft über Genderregeln in Behördenschreiben diskutiert und Milliarden in ideologische Prestigeprojekte pumpt, bleibt die Frage nach der Resilienz kritischer Infrastruktur ein Thema für Fachkonferenzen. Es ist der immer gleiche Reflex einer Politik, die das Wichtige dem Modischen opfert.
Zurück zu Sextant und Sternenhimmel
Bezeichnend ist, was erfahrene Seeleute tun, wenn die Technik versagt: Sie greifen zu Papierseekarte, Radar und – tatsächlich – zur Position der Sterne. Das Analoge als letzte Rückversicherung. Parallel arbeiten Entwickler an Alternativen: Navigation über das Erdmagnetfeld, wie es Zugvögel und Wale beherrschen, Ortung über Mobilfunknetze, verschlüsselte GPS-Varianten. Das US-Militär setzt bereits auf den störresistenteren „M-Code". Vier große Systeme konkurrieren derzeit: GPS, das chinesische Beidou, das europäische Galileo und das russische Glonass.
Im iranischen Alltag ist die Störung längst Normalität. Teheraner Taxifahrer finden ihre Fahrgäste nicht mehr, weil das Navigationsgerät sie kilometerweit versetzt anzeigt. In Beirut wunderten sich Anwohner, plötzlich in Ägypten oder Jordanien verortet zu werden. Und in Israel wie im Libanon tauchten in Dating-Apps Profile von jenseits der Grenze auf – eine unfreiwillige Komik in einer bitterernsten Lage. Viele Iraner selbst zweifeln übrigens am Nutzen der Maßnahmen und vermuten, dass die eigentlichen Leidtragenden sie sind, nicht der militärische Gegner. Ein Muster, das man auch anderswo kennt: Der Staat greift durch – und trifft am Ende den eigenen Bürger.
Was daraus zu lernen wäre
Die Lehre dieses unsichtbaren Krieges ist so simpel wie unbequem: Alles, was ausschließlich digital existiert, kann gestört, gefälscht oder abgeschaltet werden. Positionen, Daten – und selbstverständlich auch Guthaben. Wer sein Vermögen zu hundert Prozent in Ziffern auf fremden Servern verwahrt, sollte sich diese Bilder von Tankern auf Flughafenpisten gut ansehen. Physische Edelmetalle im eigenen Besitz kennen weder Jamming noch Spoofing. Ein Goldbarren liegt dort, wo er liegt – ganz ohne Satellitensignal.
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