
Feuerwalze in der Eifel: Panzer gegen Flammen, 2000 Menschen auf der Flucht
Es ist die Nacht, in der die Polizei Klingeln drückt und Türen hämmert: Kurz vor vier Uhr morgens ordnete die Feuerwehr die Evakuierung des Hürtgenwalder Ortsteils Gey im Kreis Düren an. Rund 2000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, weil ein Waldbrand in der Nordeifel außer Kontrolle geraten ist. Am Freitagmittag brannten nach Angaben des Kreises rund 300 Hektar Wald – eine Fläche von etwa 420 Fußballfeldern.
Der Wind drehte – und plötzlich zählten Meter
In der Nacht lag das Feuer noch rund 500 Meter vom Ort entfernt. Dann kippte der Wind. Bürgermeister Stephan Cranen (parteilos) sprach am Morgen von weniger als 300 Metern, später rückten die Flammen bis unmittelbar an die ersten Häuser heran. Die Warn-App Nina schaltete auf die höchste Stufe: „Extreme Gefahr“.
Gegen 8 Uhr meldete der Kreis, die Evakuierung sei abgeschlossen. Nur das Nötigste sollten die Bewohner mitnehmen: Ausweis, Medikamente, Mund und Nase notfalls mit einem Tuch bedeckt. Anlaufstellen wurden in der Grundschule Straß und einem Sport- und Schützenheim eingerichtet – eine Sammelstelle musste Medienberichten zufolge später wegen Ascheflugs nach Düren verlegt werden.
Wenn im Wald die Munition von 1944 explodiert
Was den Einsatz besonders tückisch macht: der Boden selbst. Im Hürtgenwald tobte im Herbst und Winter 1944/45 eine der verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, mit Bunkern, schweren Geschützen und Minenfeldern. Bis heute steckt Kampfmittel im Waldboden.
Landrat Ralf Nolten (CDU) erklärte, das Gelände sei sehr schwierig, wegen der hohen Munitionsbelastung könne man keine einzelnen Feuerwehrleute mit Löschrucksäcken hineinschicken. In der Nacht sei auf dem Brandgelände bereits Munition explodiert.
Deshalb rollt die Bundeswehr an: Zwei Panzer sollen Schneisen in den Wald schlagen, dazu kommen Forstunternehmer, Motorsägen und laut Feuerwehr auch das kontrollierte Gegenfeuer – eine Taktik, die man sonst aus Kanada oder Südeuropa kennt. Drei Löschhubschrauber unterstützen aus der Luft, rund 300 Kräfte sind im Einsatz.
Rauch über Düren – und die Frage nach der Vorsorge
Der Rauch reicht weit über das Brandgebiet hinaus. Für zahlreiche Dürener Stadtteile – darunter Gürzenich, Rölsdorf, Lendersdorf und Merken – forderte der Kreis die Bewohner auf, sofort geschlossene Räume aufzusuchen; gesundheitliche Beeinträchtigungen seien nicht auszuschließen. Auch der Ortsteil Großhau gilt als gefährdet, eine Evakuierungsaufforderung gab es dort zunächst nicht.
Das NRW-Landwirtschaftsministerium hält es für möglich, dass es sich um den größten Waldbrand in Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten handelt – abschließend beurteilen lasse sich das erst nach den Löscharbeiten. Innenminister Herbert Reul und Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (beide CDU) appellierten, betroffene Wälder zu meiden: Brände könnten sich rasant ausbreiten und Fluchtwege abschneiden.
Anhaltende Dürre und Hitze liefern das Brennmaterial. Die Ursache liegt jedoch meist beim Menschen: Nach Angaben des Nationalparks Eifel gehen nahezu alle Waldbrände in NRW nicht auf Blitzschlag, sondern auf Unachtsamkeit zurück.
Aus Sicht unserer Redaktion legt dieser Einsatz auch eine unbequeme Wahrheit offen: Deutschland verlässt sich im Ernstfall auf Ehrenamtliche, improvisierte Technik und Amtshilfe der Bundeswehr. Kritiker mahnen seit Jahren, dass beim Bevölkerungs- und Katastrophenschutz zu lange gespart wurde – während Milliarden in Prestigeprojekte flossen. Wer in Gey heute Nacht aus dem Bett geklingelt wurde, weiß nun, wie schnell es ernst wird.
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