
Gas bei 63 Euro, Speicher halb leer: Deutschland taumelt in den nächsten Energiewinter
Es gibt Zahlen, die man politisch nicht wegmoderieren kann. 61,93 Euro je Megawattstunde – so notierte der richtungsweisende niederländische TTF-Kontrakt am 24. Juli 2026. Ende Juni waren es noch rund 42 Euro. Ein Sprung von annähernd fünfzig Prozent in wenigen Wochen. Und während die Notierungen wieder in Richtung der Spitzen vom Beginn des Iran-Krieges klettern, liegt der Füllstand der deutschen Gasspeicher bei kläglichen 45,7 Prozent. Der europäische Durchschnitt: 54,82 Prozent. Deutschland, einst industrielles Herz des Kontinents, bildet also das Schlusslicht in der eigenen Nachbarschaft.
Die gesetzliche Zielmarke und die betriebswirtschaftliche Realität
Am 1. November gilt für die meisten deutschen Speicher eine gesetzlich verankerte Zielmarke von 80 Prozent. Der Branchenverband INES hält technisch immerhin 76 Prozent für machbar. Nur: Wer füllt freiwillig Speicher, wenn der Sommerpreis über dem Winterpreis liegt? Die Einlagerung ist derzeit ein Verlustgeschäft. Der Markt macht genau das, was Märkte tun – er rechnet. Und die Politik? Sie hat eine Zahl ins Gesetz geschrieben und hofft, dass sich der Rest von selbst ergibt.
Der Grund für den Preissprung liegt nicht in Berlin, sondern am Persischen Golf. Die Eskalation zwischen den USA und Iran beeinträchtigt LNG-Transporte aus der Region. Zugleich bieten Europa und Asien um jede verfügbare Ladung. Genau das ist der Preis jener Strategie, die man uns jahrelang als Befreiung verkauft hat: Wer Pipelines durch Tanker ersetzt, ersetzt langfristige Verträge durch Weltmarktlotterie. Wer zusätzlich russisches LNG aus dem europäischen Angebot streicht, verkleinert den Kuchen, ohne den Appetit zu senken.
Offshore-Wind: viel Beton, wenig Investoren
Immerhin, so wird man einwenden, wächst die Offshore-Windkraft. Im ersten Halbjahr 2026 gingen 84 Anlagen mit 1.077 Megawatt ans Netz, die installierte Leistung in Nord- und Ostsee erreichte 10,8 Gigawatt. Weitere 22 Anlagen mit 323 Megawatt stehen bereits im Meer – speisen aber keinen Strom ein. Sinnbildlicher geht es kaum: Stahl im Wasser, Kabel fehlt.
Noch aufschlussreicher ist die Investorenseite. Für lediglich 2,6 Gigawatt liegen endgültige Investitionsentscheidungen vor. Projekte mit 17,5 Gigawatt haben Zuschläge erhalten, doch niemand hat sich festgelegt. Bereits im August 2025 endete eine Ausschreibung für Nordsee-Flächen ohne ein einziges Gebot. Hohe Baukosten, teure Finanzierung – die Kalkulation kippt. Und was fordert die Branche nun?
Staatlich abgesicherte Mindest- und Höchsterlöse – also Garantien auf Kosten des Steuer- und Stromzahlers, weil der Markt das Geschäft nicht mehr hergibt.
Man ahnt, wer diese Rechnung am Ende bezahlt. Es ist derselbe Bürger, der schon die Netzentgelte, die CO₂-Bepreisung und die Zinsen auf 500 Milliarden Euro Sondervermögen trägt – aufgelegt von einem Kanzler, der im Wahlkampf noch versicherte, keine neuen Schulden zu machen.
Vom Heizkeller in die Industriehalle
Teures Gas trifft nicht nur Haushalte mit Gasheizung. Gaskraftwerke setzen in Stunden ohne Wind und Sonne den Strompreis – steigen die Brennstoffkosten, steigt der Strompreis für alle. Energieintensive Betriebe kalkulieren dann neu, und wer international konkurriert, verlagert eben. Der Gaspreis wird damit zum Inflationstreiber, den keine Notenbank wegzinsen kann.
INES selbst hält einen durchschnittlichen oder milden Winter für beherrschbar. Ein außergewöhnlich kalter Winter jedoch – orientiert an den Temperaturen von 2010 – könnte ab Februar 2027 zu Engpässen führen: Fehlmengen von bis zu neun Terawattstunden pro Monat, an einzelnen Tagen bis zu zwei Terawattstunden. Die deutsche Energiesicherheit hängt also am Wetterbericht. Das nennt man in Berlin Fortschritt.
Was daraus zu lernen wäre
Eine Volkswirtschaft, die ihre Grundlast dem Zufall überlässt, produziert nicht Klimaschutz, sondern Kaufkraftverlust. Und dieser Kaufkraftverlust ist kein abstraktes Phänomen, sondern erscheint auf Rechnungen, in Lohnverhandlungen und im Sparbuch. Wer Vermögen über solche Zyklen hinweg erhalten will, kommt an der Frage nicht vorbei, wie belastbar seine Rücklagen gegenüber Inflation und politischen Fehlsteuerungen sind. Physisches Gold und Silber haben Energiekrisen, Währungsreformen und Regierungswechsel überdauert – ohne Zuschlagsverfahren, ohne Netzanschluss und ohne staatliche Erlösgarantie. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio waren Edelmetalle historisch ein nüchterner Anker in Zeiten, in denen Politik die Rechenmaschine ersetzte.
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