
Gold trotzt schwächerem Dollar und billigerem Öl – alle Augen auf Kevin Warsh
Es ist eine dieser Handelssitzungen, die selbst erfahrene Marktbeobachter ins Grübeln bringen: Der Dollar gibt nach, der Ölpreis rutscht – und Gold fällt trotzdem. Am Dienstag verlor der Goldfuture rund 50 Dollar oder 1,22 Prozent und notierte gegen 22:55 Uhr deutscher Zeit bei 4.029 Dollar. Damit nähert sich das gelbe Metall gefährlich nahe jener Unterstützungszone rund um 4.000 Dollar, die sich in den vergangenen Monaten als doppelter Boden herausgebildet hat.
Der Markt handelt nicht die Realität, sondern die Erwartung
Wer verstehen will, warum Gold aktuell keine Luft bekommt, muss den Blick auf die Zinsfront richten. Seit Anfang März treibt der steigende Rohölpreis die Inflationserwartungen nach oben – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve nicht senkt, sondern anhebt. Was zu Jahresbeginn noch als ausgemachte Sache galt, nämlich Zinssenkungen, ist inzwischen vom Tisch. Stattdessen kalkulieren Händler mindestens eine Erhöhung bis September ein.
Verstärkt wird dieser Effekt durch den neuen Mann an der Spitze der US-Notenbank. Kevin Warsh hat bei seiner ersten FOMC-Sitzung als Fed-Chef einen Ton angeschlagen, den man wohlwollend als „unmissverständlich" bezeichnen darf. Die Folge: Der Markt ist gespalten. Rund zwei Drittel der Teilnehmer erwarten unveränderte Zinsen im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent, ein Drittel setzt auf einen Schritt um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent.
Wenn der Dollar auf ein 14-Monats-Hoch klettert und die Realzinsen steigen, hat Gold es kurzfristig schwer. Das ist keine Schwäche des Metalls – das ist Mathematik.
Fünf Monate im absteigenden Dreieck
Seit fünf Monaten bewegt sich Gold in einem absteigenden Dreieck, jener charttechnischen Formation aus fallenden Hochs und stabilem Boden. Der Dollar-Index legte in dieser Zeit rund 3,8 Prozent zu. Ausgangspunkt der Entwicklung war der 28. Februar, als der Krieg im Iran die Inflationsdebatte neu entfachte. Seither hat Gold etwa 22 Prozent abgegeben – eine auf den ersten Blick paradoxe Reaktion für ein Metall, das historisch von geopolitischer Unsicherheit profitiert.
Doch der Widerspruch löst sich auf, sobald man begreift: Nicht Angst treibt derzeit die Kurse, sondern der Zins. Steigende Realrenditen und ein starker Dollar sind für Gold kurzfristig schwerer zu verkraften als jeder Krisenherd. Diese Konstellation dürfte erst kippen, wenn die Zinsen wieder fallen – oder die Märkte beginnen, fallende Zinsen einzupreisen.
Mittwoch als Weichenstellung
Gold steuert auf die Spitze der Dreiecksformation zu – und damit auf den Punkt, an dem sich entscheidet, wohin die Reise geht. Eine Zinserhöhung würde wohl den Bruch der Unterstützung bei rund 3.900 Dollar auslösen. Selbst unveränderte Zinsen könnten Druck erzeugen, sofern die Begleitmusik hawkish klingt. Umgekehrt: Ein weicherer Ton, und Gold könnte erstmals seit fünf Monaten über die fallende Widerstandslinie ausbrechen. So oder so – ein signifikanter Ausbruch steht bevor.
Und der deutsche Sparer?
Während in Washington über 25 Basispunkte gefeilscht wird, verankert die Berliner Koalition Klimaneutralität im Grundgesetz und schnürt 500 Milliarden Euro Sondervermögen – finanziert über Schulden, die kommende Generationen bedienen müssen. Wer glaubt, das bleibe ohne Wirkung auf Kaufkraft und Preisniveau, hat die vergangenen fünfzig Jahre Geldgeschichte verschlafen. Zwischenzeitliche Rücksetzer beim Gold sind für den langfristig denkenden Bürger daher weniger ein Warnsignal als eine Momentaufnahme. Papierwährungen kommen und gehen. Physisches Gold, das man in der Hand halten kann, überlebt Notenbankchefs, Koalitionen und Sondervermögen.
Bemerkenswert ist auch, was jenseits der Charttechnik geschieht: China kauft nach Beobachtung von Marktkennern jeden Rücksetzer auf. Die These, Pekings Goldbestände könnten die amerikanischen binnen fünf Jahren übertreffen, ist längst keine Fußnote mehr. Wer die geldpolitische Weltordnung verstehen will, sollte weniger auf Pressekonferenzen und mehr auf Tresorbestände schauen.
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