
Komiker als Staatsoberhaupt? Hape Kerkeling und die seltsame Sehnsucht nach Politik aus dem Showbusiness
Es ist eine Schlagzeile, die man zunächst für einen seiner berühmten Sketche halten könnte: Hape Kerkeling, der Mann hinter Horst Schlämmer und Königin Beatrix, möchte ins Schloss Bellevue einziehen. Doch was als Pointe taugen würde, scheint diesmal durchaus ernst gemeint zu sein. Der 61jährige Entertainer bringt sich für das höchste Amt im Staat in Stellung – und das mit einer bemerkenswerten Mission im Gepäck.
Wenn der Wahlkampf zur Bühne wird
Mehr als 50.000 Menschen hätten bereits eine Online-Petition unterschrieben, die Kerkeling ins Präsidentenamt hieven solle, heißt es. Eine stolze Zahl – wobei man fragen darf, ob das digitale Anklicken eines Petitionsbuttons tatsächlich ein Gradmesser für staatsmännische Eignung ist. In Zeiten, in denen jeder Klick zählt und kaum etwas kostet, sind 50.000 Unterschriften schneller gesammelt als ein Faschingsumzug organisiert.
Auf die Frage, ob er sich das Amt zutraue, antwortete der Komiker mit jener Mischung aus Selbstbewusstsein und Ironie, die ihn berühmt gemacht hat. Wenn er sehe, wer weltweit in führenden Positionen das Sagen habe, dann traue er sich das durchaus zu. Und natürlich durfte auch der ikonische Schlämmer-Spruch nicht fehlen: „Isch kandidiere.“
Der Kampf gegen Rechts als politisches Programm
Doch hinter der Pointe steht ein durchaus ernstes Anliegen. Kerkeling positioniere sich, so seine eigenen Worte, vehement „gegen Rechts“ und sehe sich seither massiven Anfeindungen im Internet ausgesetzt. „Theoretisch wurde ich im Netz schon gelyncht“, klagte er. Im digitalen Raum tobe ein „Stellvertreterbürgerkrieg“, den man zum Glück noch nicht auf den Straßen austrage.
Man muss sich diese Wortwahl auf der Zunge zergehen lassen. Ein „Bürgerkrieg“ – das ist eine gewaltige Metapher für das, was im Kern Meinungsverschiedenheiten in sozialen Medien sind. Wer derart martialische Vokabeln bemüht, sollte sich nicht wundern, wenn die gesellschaftliche Spaltung, die er beklagt, durch genau solche Zuspitzungen weiter vertieft wird.
Vielfalt als Allheilmittel?
Inhaltlich gehe es Kerkeling vor allem um die Rechte queerer Menschen, die er erneut in Gefahr sehe. Die Mehrheitsgesellschaft müsse laut und deutlich sagen, dass man „Vielfalt wolle“, denn diese sei gesund für das Gemeinwesen. Ein Satz, der gut auf jedes CSD-Plakat passt, aber doch die berechtigte Frage aufwirft: Was genau ist eigentlich die größte Sorge der deutschen Bürger in diesen Tagen?
Während ein prominenter Entertainer von Bürgerkrieg im Netz spricht, erleben die Menschen in unseren Städten reale Probleme: explodierende Lebenshaltungskosten, eine ausufernde Kriminalität und eine Politik, die scheinbar jeden Bezug zu den Sorgen des Alltags verloren hat.
Symbolpolitik statt echter Lösungen
Es ist bezeichnend für den Zustand unseres Landes, dass die Diskussion um das Bundespräsidentenamt offenbar zuerst über Geschlecht und Gesinnung geführt wird – „diesmal soll eine Frau“, hieß es ja eigentlich – und erst danach über Kompetenz, Erfahrung und staatspolitische Reife. Das höchste Amt im Staat sollte über jeder Identitätsdebatte stehen. Stattdessen wird es zum Spielball gesellschaftlicher Strömungen, die den eigentlichen Auftrag des Amtes – nämlich das ganze Volk zu repräsentieren – aus dem Blick verlieren.
Pikant ist dabei auch dies: Den Leipziger CSD, dessen offizieller Botschafter Kerkeling ist, wird er selbst nicht besuchen. Aus „zeitlichen Gründen“, wie es heißt, und weil Großveranstaltungen privat ohnehin nicht seine Sache seien. Man darf das durchaus als Sinnbild für eine Politik verstehen, die viel fordert, aber wenig selbst tut.
Ein Land braucht mehr als Pointen
Niemand bestreitet Hape Kerkeling sein komödiantisches Talent. Als Entertainer hat er Generationen zum Lachen gebracht. Doch das Bundespräsidentenamt ist keine Bühne, und der Kampf gegen vermeintliche Feinde von links wie rechts ersetzt kein staatspolitisches Programm. Deutschland braucht in diesen schwierigen Zeiten Repräsentanten, die das ganze Volk im Blick haben – nicht nur einzelne Gruppen und ihre Anliegen. Ob ein Komiker mit klarer Schlagseite diesem Anspruch gerecht werden könnte, darf bezweifelt werden.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Landes, das sich zunehmend in Symboldebatten verliert, während die wirklich drängenden Fragen unbeantwortet bleiben. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Politik – und auch die Prominenz – sich wieder den Sorgen jener Bürger zuwendet, die diese Republik mit ihrer Arbeit und ihren Steuern am Laufen halten. Denn die haben in diesen Zeiten andere Sorgen als die Frage, wer als Nächstes ins Schloss Bellevue einzieht.

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