
Rekord bei Teilzeit: Deutschland verliert 239.000 Vollzeitjobs
Vier von zehn Beschäftigten arbeiten in Deutschland inzwischen in Teilzeit. Die Quote kletterte im zweiten Quartal 2026 auf 40,3 Prozent – ein Rekordwert. Die Zahlen stammen aus der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und zeichnen das Bild eines Arbeitsmarkts im Umbruch.
Binnen eines Jahres legte die Teilzeitquote um 0,4 Prozentpunkte zu. Rund 16,9 Millionen Menschen arbeiteten zuletzt in Teilzeit, etwa 25,1 Millionen in Vollzeit. Unterm Strich kamen rechnerisch rund 85.000 Teilzeitkräfte hinzu – während etwa 239.000 Vollzeitstellen verschwanden.
Die Industrie blutet – der Sozialsektor wächst
Hinter der Statistik steckt eine tektonische Verschiebung zwischen den Branchen. Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht bauen Beschäftigung auf – Bereiche, in denen Teilzeit seit jeher weit verbreitet ist. Das verarbeitende Gewerbe dagegen schrumpft, und dort trifft es überwiegend Vollzeitstellen.
Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, ordnet die Lage so ein:
„Die Konjunktur hat sich zuletzt gefestigt, die Arbeitszeit der Beschäftigten zieht deshalb wieder etwas an. Aber die Krisenbranche Industrie verliert viele Vollzeitstellen, sodass insgesamt dennoch weniger Stunden gearbeitet wurden“
Der Befund passt ins Gesamtbild: Medienberichten zufolge hat die deutsche Industrie allein im Jahr 2025 rund 120.000 Arbeitsplätze abgebaut; seit 2019 sollen im verarbeitenden Gewerbe etwa 420.000 Stellen weggefallen sein. Meist ohne spektakuläre Massenentlassungen – schleichend, über Fluktuation und nicht besetzte Stellen.
Mehr Erwerbstätige, aber nicht mehr Arbeit
Besonders bemerkenswert ist der Langfristvergleich. 1991 lag die Teilzeitquote bei rund 18,5 Prozent, damals arbeiteten etwa 6,5 Millionen Menschen in Teilzeit. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten sank seither von rund 28,8 auf 25,1 Millionen.
Noch aufschlussreicher: Die Zahl der Erwerbstätigen wuchs von 38,9 Millionen (1991) auf knapp 45,7 Millionen. Das gesamte unbereinigte Arbeitsvolumen aber liegt in beiden Vergleichsquartalen bei rund 14,4 Milliarden Stunden. Fast sieben Millionen zusätzliche Erwerbstätige – und keine einzige Stunde mehr Arbeit für die Volkswirtschaft.
Der Mythos vom faulen Teilzeitler
Wer nun reflexhaft auf die Teilzeitkräfte zeigt, liegt daneben. Sie arbeiten heute im Schnitt 18,88 Wochenstunden – 1991 waren es nur 16,50. Bei den Vollzeitkräften ging die betriebsübliche Wochenarbeitszeit dagegen leicht zurück, von 39,06 auf 38,32 Stunden. Über alle Beschäftigten hinweg sind es aktuell 30,50 Stunden.
Kurzfristig zeigt der Trend weiter nach unten: Gegenüber dem Vorjahresquartal sank das Arbeitsvolumen um 0,5 Prozent, saison- und kalenderbereinigt gegenüber dem Vorquartal um 0,7 Prozent. Nach der Erholung im Anschluss an die Corona-Jahre gehe es mit dem Arbeitsvolumen inzwischen bergab, so Weber.
Ein Warnsignal für den Standort
Aus Sicht unserer Redaktion ist das mehr als eine Fußnote der Statistik. Wenn ausgerechnet die industrielle Wertschöpfung – jener Teil der Wirtschaft, der Exportüberschüsse, Steuern und Sozialbeiträge erwirtschaftet – Vollzeitstellen verliert, während der überwiegend staatlich oder beitragsfinanzierte Sektor wächst, verschiebt sich das Fundament des Wohlstands.
Hohe Energiepreise, ausufernde Bürokratie und Rekordabgaben sind aus Sicht vieler Unternehmer die Treiber dieser Entwicklung. Eine Volkswirtschaft, die Jahr für Jahr mehr Köpfe braucht, um dieselbe Stundenzahl zu leisten, lebt langfristig von der Substanz.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Wer Vermögen aufbaut oder sichert, sollte eigenständig recherchieren und Entscheidungen in eigener Verantwortung treffen.
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