
Von der Leyen kritisiert Trumps Grönland-Zölle als strategischen Fehler
Die Weltwirtschaftselite versammelt sich dieser Tage im schweizerischen Davos, doch die Atmosphäre ist angespannt wie selten zuvor. Inmitten der schwersten Krise der transatlantischen Beziehungen seit Jahrzehnten hielt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine bemerkenswerte Auftaktrede, die als deutliche Kampfansage an die aggressive Handelspolitik der Trump-Administration verstanden werden darf.
Europa zwischen Selbstbehauptung und diplomatischer Zurückhaltung
Die Kommissionschefin wählte ihre Worte mit Bedacht, doch die Botschaft war unmissverständlich. Die von Trump angekündigten Zusatzzölle im Zusammenhang mit dem Grönland-Streit bezeichnete sie als "Fehler, insbesondere unter langjährigen Verbündeten". Ein bemerkenswerter Satz, der die Frustration Brüssels über die erratische Politik aus Washington nur unzureichend kaschiert.
Von der Leyen erinnerte daran, dass beide Seiten erst im Juli 2025 in Schottland ein Handelsabkommen unterzeichnet hätten – eines, das übrigens äußerst vorteilhaft für die amerikanische Seite ausgefallen war. "Ein Deal ist ein Deal", mahnte sie. "Und wenn Freunde sich die Hände schütteln, muss das etwas bedeuten." Doch was bedeuten Handschläge noch in einer Welt, in der der mächtigste Mann der westlichen Hemisphäre Verträge offenbar als bloße Verhandlungsmasse betrachtet?
Die neue europäische Unabhängigkeit – mehr als nur Rhetorik?
Besonders aufhorchen ließ von der Leyens Plädoyer für ein souveränes Europa. "Geopolitische Schocks können – und müssen – eine Chance für Europa sein", verkündete sie. Das Erdbeben, das der Kontinent gerade erlebe, sei eine Notwendigkeit, "eine neue Form der europäischen Unabhängigkeit aufzubauen".
Starke Worte, gewiss. Doch wie glaubwürdig ist diese Rhetorik angesichts der jahrelangen Versäumnisse europäischer Politik? Die strukturellen Abhängigkeiten, von denen die Kommissionspräsidentin sprach, sind schließlich nicht über Nacht entstanden. Sie sind das Ergebnis einer Politik, die allzu lange auf amerikanische Sicherheitsgarantien vertraute und die eigene Verteidigungsfähigkeit sträflich vernachlässigte.
Handelsabkommen als Gegenstrategie
Als Beleg für Europas neue Handlungsfähigkeit führte von der Leyen das frisch unterzeichnete EU-Mercosur-Abkommen an – nach sage und schreibe 25 Jahren Verhandlungszeit. "Mit diesem Abkommen haben die EU und Lateinamerika die größte Freihandelszone der Welt geschaffen", verkündete sie stolz. Von Davos aus werde sie direkt nach Indien reisen, wo ein weiteres historisches Handelsabkommen kurz vor dem Abschluss stehe. "Manche nennen es die Mutter aller Deals", so die Kommissionschefin.
Solidarität mit Dänemark – aber zu welchem Preis?
In der Grönland-Frage bezog von der Leyen unmissverständlich Position: "Volle Solidarität mit Grönland und dem Königreich Dänemark. Die Souveränität und Integrität ihres Territoriums ist nicht verhandelbar." Ein Grundsatz, der in normalen Zeiten selbstverständlich wäre, in der gegenwärtigen Situation jedoch fast schon revolutionär klingt.
Die EU werde "fest, vereint und mit Augenmaß reagieren", kündigte sie an. Gleichzeitig warnte sie davor, sich "in eine gefährliche Abwärtsspirale zu stürzen", die nur den gemeinsamen Gegnern helfen würde. Eine Gratwanderung zwischen Standhaftigkeit und Deeskalation, die angesichts der Unberechenbarkeit der Trump-Administration kaum zu bewältigen sein dürfte.
Die Ukraine-Frage als Prüfstein
Bemerkenswert war auch von der Leyens Positionierung zum Ukraine-Konflikt. Sie erinnerte an die Millionen Menschen, die erst letzte Woche wegen der Bombardierung ukrainischer Energieinfrastruktur "Finsternis, Kälte und Wassermangel" ausgesetzt waren. "Das muss enden", forderte sie unter dem Applaus der Anwesenden – darunter auffallend viele US-Bürger.
Gleichzeitig erkannte sie "die Rolle von Präsident Trump bei der Förderung des Friedensprozesses" an und versprach enge Zusammenarbeit mit Washington. Eine diplomatische Verbeugung, die angesichts der sonstigen Kritik fast schon devot anmutet. Doch so funktioniert eben internationale Politik: Man kritisiert mit der einen Hand und reicht mit der anderen die Friedenspfeife.
Europas Arktis-Strategie
Europa bereite seine eigene Sicherheitsstrategie vor, die noch in diesem Jahr veröffentlicht werden solle, kündigte von der Leyen an. Dazu gehöre auch eine aktualisierte Arktisstrategie. An vorderster Stelle werde dabei das Grundprinzip stehen: "Souveräne Völker entscheiden über ihre Zukunft selbst."
Ob diese Worte in Washington Gehör finden werden, bleibt abzuwarten. Am Mittwoch wird Trump selbst in Davos erwartet. Dann wird sich zeigen, ob die transatlantische Partnerschaft noch zu retten ist – oder ob Europa tatsächlich gezwungen sein wird, jene Unabhängigkeit zu entwickeln, von der in Sonntagsreden so gerne die Rede ist.

- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











