
150 Medien, eine Botschaft: Wer hier „Dreckschleuder“ genannt wird
Ein Bündnis von rund 150 Medienpartnern wirbt seit Montag bundesweit für den „professionellen Journalismus“. Die Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ läuft vom 14. bis 19. September, Anlass ist der Internationale Tag der Demokratie am 15. September. Zum Auftakt sprach taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann im ZDF-Morgenmagazin — und lieferte gleich die Schlagzeile.
Ein Wort, das hängen bleibt
Im Internet gebe es „viele andere Dreckschleudern“, die im Grunde nichts anderes täten, als Desinformation und Fake News zu verbreiten, sagte Winkelmann dem Bericht zufolge im öffentlich-rechtlichen Frühstücksfernsehen. Nötig seien „unterschiedliche, professionell arbeitende, seriöse Medien“, die am Erhalt der Demokratie interessiert seien.
Ende August hatte sie in der taz geschrieben, nicht nur ihre Zeitung, sondern alle seriösen Medien verstünden sich als „Bollwerke der Demokratie“. In der Aktionswoche solle der Unterschied deutlich werden zwischen „seriöser Berichterstattung und reiner Ressentiment-Schleuderei“.
Bemerkenswert: Wer genau zu den „Dreckschleudern“ gehört, blieb offen. Wer das Prädikat „seriös“ vergibt, ebenfalls. Beobachter sehen darin ein altbekanntes Muster — die Deutungshoheit über den Begriff „Qualität“ liegt bei jenen, die ihn selbst definieren.
Wer hinter der Kampagne steht
Initiiert und koordiniert wird die Aktion vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Laut dessen Mitteilung schließen sich erstmals journalistische Medien verschiedener Gattungen zu einer gemeinsamen Initiative zusammen. Mit an Bord sind unter anderem:
- ARD und ZDF — finanziert über den Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro pro Haushalt und Monat
- RTL Deutschland und ProSiebenSat.1
- Spiegel, Correctiv, die Deutsche Presse-Agentur und die taz
- Verbände wie MVFP, VAUNET, APR und der Verband Deutscher Lokalzeitungen
Offiziell werbe man für „inhaltliche und programmliche Vielfalt“ und ausdrücklich „nicht für einzelne Medienhäuser oder Geschäftsmodelle“, heißt es auf der Kampagnenseite.
Das Kleingedruckte: politischer Handlungsdruck
Doch es geht offenbar um mehr als um Hochglanz-Appelle. Aus Unterlagen des BDZV vom Juni geht dem Bericht zufolge hervor, dass die Kampagne bewusst „politischen Handlungsdruck erzeugen“ solle. Die Politik müsse „dringend handeln und mächtige globale Plattformen regulieren“, so der Verband.
Der Claim formuliere einen „positiven gesellschaftlichen Konsens statt eines Brancheninteresses“, erklärte der BDZV weiter. Das Manifest fordert konkret „faire Wettbewerbsbedingungen“ gegenüber Tech-Konzernen und die Sicherung der „Refinanzierung freier Medien“.
Übersetzt heißt das aus Sicht von Kritikern: strengere Regeln für die Konkurrenz aus dem Netz, stabilere Geldflüsse für die etablierte Branche. Ein Anliegen, das man vertreten darf — nur sollte man es dann auch Branchenpolitik nennen und nicht Demokratieschutz.
Das eigentliche Problem heißt Vertrauen
Winkelmann betonte, journalistische Medien müssten für ihre Berichterstattung „geradestehen“. US-amerikanischen und einigen chinesischen Plattformen sei es dagegen „egal, was sie in die Köpfe pumpen“ — dort gehe es nur um Klicks.
Der Punkt ist nicht falsch. Nur erklärt er nicht, warum so viele Bürger den Weg zu alternativen Informationsquellen suchen. Aus Sicht unserer Redaktion entsteht Vertrauen nicht durch Kampagnen, Manifeste und Fassadenbeklebungen am Berliner „Haus der Presse“ — sondern durch Berichterstattung, die auch dann nachfragt, wenn die Antwort der Regierung nicht gefällt.
Eine Aktionswoche kann man buchen. Glaubwürdigkeit nicht.
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